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Stammzellen helfen bei Kniearthrose

Theresienkrankenhaus setzt als erstes deutsches Krankenhaus wieder viel versprechende Therapie ein

   

17.10.2018

Prof. Dr. Gerald Zimmermann blickt zufrieden auf die voluminöse Spritze, die er zuvor mit dem Unterhautfettgewebe seiner Patientin gefüllt hat. In der gelben Flüssigkeit befindet sich einer der vielversprechendsten medizinischen Wirkstoffe, die derzeit angewendet werden dürfen: Adulte Stammzellen, gewonnen aus dem körpereigenen Fettgewebe. Diese werden aufbereitet und der Patientin anschließend in das Fettpolster ihres Knies gespritzt. Damit erhält die 54jährige, die aufgrund von Arthrose seit fast zehn Jahren über starke Knieschmerzen klagt, neue Hoffnung und eine Alternative zu einer Totalendoprothese. Aufbereitete Stammzellen dürfen nach einer gesetzgeberischen Einschränkung im Jahr 2013 nun erneut angewendet werden. Der Chefarzt der Unfallchirurgie und Sporttraumatologie des Mannheimer Theresienkrankenhauses Prof. Zimmermann ist einer der ersten deutschen Ärzte, die sich für diese Therapie haben zertifizieren lassen.

Bereits seit 2006 beschäftigt sich der Chirurg mit der heilsamen Wirkung von Stammzellen, speziell mit der autologen Transplantation körpereigener Zellen - autolog bedeutet, dass Spender und Empfänger dieselbe Person sind. Mehr als 200 Patienten behandelte Zimmermann mit dieser Methode und vertraut auf deren Erfolg: "Die Stammzellen regen die körpereigenen Zellen an, sich zu erneuern oder zu reproduzieren. Damit ist es möglich, die durch Arthrose und ähnlichen Verschleißerkrankungen ausgelösten Schmerzen und Bewegungseinschränkungen deutlich zu verringern", so Zimmermann. Erst als die Europäische Union 2013 die Stammzelltransplantation aus ethischen Gründen streng regulierte, traten Prof. Zimmermann und seine Kollegen von dieser Art der Behandlung zurück. Daraufhin musste zunächst vom Gesetzgeber festgelegt werden, welche Voraussetzungen erfüllt sein müssen, um erneut Stammzellen entnehmen und aufbereitet wieder einsetzen zu dürfen. Dies wird nun über verschiedene Paragraphen des Arzneimittelgesetzes geregelt und die Voraussetzungen für die Lizensierung eines Arztes zur Stammzelltransplantation sind dort ebenfalls festgeschrieben. "Der bürokratische Aufwand ist enorm", blickt Prof. Zimmermann auf die vergangenen Monate zurück, in denen logistische, hygienische, technische und nicht zuletzt formale Voraussetzungen geschaffen werden mussten, um vom Regierungspräsidium Baden-Württemberg die Genehmigung zu erhalten, autologe Stammzellen - wenn auch zunächst nur vom Fettgewebe im Bauch in den Fettkörper des Knies - zu transplantieren. Damit ist er einer der ersten Ärzte in Deutschland, die den Zertifzierungsmarathon erfolgreich durchlaufen haben. "Das freut mich sehr für meine Patienten. Meine Erfahrungen haben gezeigt, dass viele Patienten mit Arthrose in verschiedenen Gelenken von dieser Therapie profitieren konnten. So hoffe ich, dass diese Behandlung wieder mehr Menschen zuteil werden kann."

Der Eingriff dauert etwa 60 bis 90 Minuten. Unter sterilen Bedingungen wird das Bauchfettgewebe des Patienten zunächst lokal betäubt. Nach kurzer Einwirkzeit entnimmt der Chirurg mit einer speziellen Spritze Fettgewebe. Dazu stößt er in flachem Winkel unter der Bauchdecke in verschiedene Richtungen und sammelt Proben des Fettextrakts. "Dies ist nichts als anderes als eine normale Fettabsaugung", erklärt Zimmermann das Prozedere. Das Unterhautfettgewebe gilt als die Körperregion, in der die meisten adulten Stammzellen zu finden sind. Anschließend wird die Probe dann kontrolliert, die Anzahl der Stammzellen gemessen und die Qualität der Probe kontrolliert. Dann kommt alles in eine High-Tech-Zentrifuge, die Stammzellen und den Rest des Gewebes trennt. Erneut unter sterilen Bedingungen und unter Ultraschallkontrolle spritzt der Chirurg die Zellen ins Knie. Fertig. Den Rest erledigt der Körper, der durch die im Knie angereicherten Stammzellen dazu animiert wird, dort weitere Stammzellen anzusammeln. Die Zellen erkennen ihre Umgebung und passen sich dieser an. Damit ersetzen sie abgestorbene Zellen und reparieren beschädigte.

Die Effektivität der Wirkung adulter Stammzellen ist noch umstritten, nicht aber deren grundsätzliche Wirksamkeit. Viele Mediziner sehen in ihnen großes Potential im Kampf gegen eine Vielzahl von Erkrankungen. Dadurch, dass die Stammzellen in jede Rolle schlüpfen können, können sie auch alle möglichen anderen Zellen ersetzen beziehungsweise deren Regeneration anregen: Knochen, Knorpelzellen, Knochenmark, Organ- und Fettgewebe - theoretisch sind mit der Universalzelle viele Therapien denkbar. Um hier künftig mehr Klarheit zu erhalten, beteiligt sich Prof. Zimmermann mit seiner Expertise an einer umfangreichen Studie zur Stammzelltherapie. Zunächst gilt es aber für ihn, einen weiteren Schritt im Genehmigungsprozess zu durchlaufen. Bislang darf Prof. Zimmermann lediglich Fettgewebe entnehmen, daraus Stammzellen gewinnen und dies wieder in das Fettgewebe desselben Patienten implantieren - so, wie bei der 54jährigen Knie-Patientin. "Weitreichende Therapiemöglichkeiten und damit Chancen für unsere Patienten sehe ich aber vor allem bei der Stammzelltransplantation über Zellgrenzen hinweg. Wenn möglich, werde ich mit dem Regierungspräsidium an einer Freigabe für diesen Bereich arbeiten", steckt sich Gerald Zimmermann die nächsten Ziele. Dabei orientiert er sich an der Situation in den USA, denn dort ist die Stammzelltransplantation - auch über Zellgrenzen hinweg - nicht so streng reglementiert. Über 200 Kliniken arbeiten dort sehr erfolgreich mit dieser Methode. (ckl)